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20.05.2019 | Traudi Schlitt (alle Rechte beim ev. Dekanat Alsfeld)
„Freude, schöner Götterfunken reicht nicht“
Diskussionsveranstaltung des Evangelischen Dekanats Vogelsberg bietet Kritik und Lob für die EU – Jugendliche fordern mehr Akzeptanz
VOGELSBERG/ALSFELD (pm). „Quo vadis – was bewegt dich, Europa?“ – Eine Frage, die sich viele Menschen stellen oder stellen sollten. Schließlich steht die Europawahl vor der Tür. Gleichzeitig sind in ganz Europa nationalistische Tendenzen manifest, Kritik an der EU und ihren Gremien nimmt zu. Brauchen wir die EU? Und wenn ja, wozu und welcher Form? Diesen Fragen nimmt sich der Fachbereich Innovative Erwachsenenarbeit des Evangelischen Dekanats Vogelsberg anlässlich der Europa-Wahl mit einer ganzen Veranstaltungsreihe an, die bereits eine Gruppe nach Brüssel führte und verschiedene Gesprächsabende füllte. Mit einem Diskussionsforum mit ausgewählten Gästen und einem interessierten Publikum fand nun am vergangenen Montag in der Aula der Max-Eyth-Schule eine weitere Veranstaltung statt, die zwar viele Fragen beantwortete, aber auch neue stellte.
Stephan Paule, Sabine Müller-Langsdorf und Thomas Schaumberg (v.l.n.r.) hatten viele Facetten zum Thema Europa beizutragen.
Die Initiatoren Franziska Wallenta und Holger Schäddel konnten bereits im Foyer mit einigen Gästen ins Gespräch kommen. Dort präsentierte die Max-Eyth-Schule ihre vielfältigen internationalen Beziehungen, die sie als Europaschule pflegt; darüber hinaus zeigte eine Ausstellung mit persönlichen Statements und Portraits, was Europa für jeden einzelnen Menschen bedeuten kann: Freiheit, Frieden, Gemeinschaft, Vielfalt und Zusammenhalt wurden hier neben vielem anderen genannt. Feinste, auch inhaltlich passende Lieder von Liedermacher Broder Braumüller rahmten die Veranstaltung ein, deren Moderation der Journalist Burkhard Bräuning übernommen hatte. Auf dem Podium begrüßte er Laurin Eckert und Sebastian Simon vom Kreisjugendparlament Vogelsberg, Sabine Müller Langsdorf, Pfarrerin und Referentin für Friedensarbeit in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Stephan Paule, Bürgermeister von Alsfeld und Vorsitzender der Europa-Union Vogelsberg, Thomas Schaumberg, Geschäftsführer der Vogelsberg Consult GmbH, die für Regionalentwicklung und Wirtschaftsförderung in der Region auch mit Hilfe von EU-Fördermitteln verantwortlich zeichnet, und Janine Wissler, Abgeordnete der Linken im Hessischen Landtag und stellvertretende Bundesvorsitzender ihrer Partei.

Inhaltlich stimmte ein Film auf Europa ein – produziert hatte ihn der Moderator. Selbst erklärter Europafan, skizzierte Bräuning darin kurz die geschichtliche Entwicklung, die zur Gründung der EWG und später der EU geführt hatte, zeigte ihre Verdienste auf und stellte aktuelle Herausforderungen dar, von denen die Flüchtlings- und die Klimapolitik am brisantesten erscheinen. Bräuning hatte viel Fragen zum Thema Europa vorbereitet, die er einzeln oder in die Runde stellte. So wurde aus der angekündigten Diskussionsrunde zwar eher eine Frage-Antwort-Veranstaltung, allerdings eine, die viel Inhalt lieferte, auch jenseits des üblichen Lobs der EU für die langjährige Stabilität und den Frieden innerhalb der EU oder der üblichen Kritik an der Bürokratie. Von guten Impulsen für die Wirtschaftspolitik war die Rede ebenso von der Notwenigkeit von Begegnungen und Gesprächen. Stephan Paule machte einen „gemeinsamen Kern“ der EU-Länder aus, während insbesondere Janine Wissler von vielen nicht eingelösten Versprechen der EU sprach. Die Länder der EU seien sowohl demokratisch als auch sozial und ökonomisch unterschiedlich entwickelt, die EU öffne zwar ihre Grenzen nach innen, schotte sich aber nach außen ab, kritisierte die Linken-Politikerin. Einen großen Raum nahm die Frage nach der Bedeutung der EU für Alsfeld und den Vogelsberg ein. Hier konnten Paule und Schaumberg viele Schnittmengen aufmachen: Alsfeld als europäische Modellstadt für Denkmalschutz, die Altstadtsanierung 2.0, die Förderung von Tourismus und nicht zuletzt die Wirtschaftsförderung: „Kaum ein Unternehmen im Vogelsberg, das gründet oder expandiert, hat keine EU-Förderung in Anspruch genommen“, machte Schaumberg klar. Für die Rolle der Kirche in der EU sprach Müller-Langsdorf: Friedensarbeit, Vernetzung und Begegnung, Toleranz und Vielfalt seinen schon immer kirchliche Maxime gewesen. Diese Werte und auch die christliche Sicht auf alle Menschen, egal welcher Herkunft, wolle die Kirche weitertragen und betreibe dazu, wie unzählige andere Interessensverbände auch, ein Büro in Brüssel.

Ein weiteres Thema war der wachsende Nationalismus in der EU, den Janine Wissler auch in verfehlter Wirtschafts- und Migrationspolitik begründet sieht. Unter anderem mit ihrer stark wirtschaftsorientierten Haltung, die speziell von Deutschland forciert würde und für Ungerechtigkeit in anderen Ländern wie Griechenland, Italien und Spanien sorge, sei die EU Teil des Problems. „Wenn man wirklich ein vereintes, Europa will, muss man die Grundlagen der EU neu überdenken.“ „Freude, schöner Götterfunken reicht nicht mehr“, stimmte Müller-Langsdorf diesem Ansinnen nach einer sozial gerechteren Neu-Orientierung der EU zu. Wenn man Themen wie Gerechtigkeit und Klima aufgreife, könne man auch mehr junge Leute wieder für die EU begeistern, so eine Meinung unter den älteren Gesprächsteilnehmern. Dass diese mit der Friday-for-Future-Bewegung längst das Vorurteil der politikfaulen Jugend wiederlegt hätten, betonten die beiden Vertreter des Jugendparlaments und erhielten dabei viel Zustimmung. „Wenn man uns von der Politik jetzt signalisiert, dass man uns nicht ernst nimmt, dass wir nur Schule schwänzen wollten, aber keine Idee hätten, dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn das Interesse an politischer Mitwirkung verpufft“, so die Meinung von Sebastian Simon und Laurin Eckart. Beide vertraten die Ansicht, dass von schulischer Seite mehr politische Bildung mit Blick auf Europa erfolgen müsse.

Es waren noch viele weitere Themen, die der Moderator mit seinem Podium aufgriff: die Frage nach der Demokratie in der EU, der Brexit, die kulturelle Identität von Nationen, der Begriff der Heimat und die Frage nach der richtigen Migrationspolitik. Bei so vielen Fragen und noch mehr Antworten kam die Diskussion zwischen dem Publikum und den Gesprächsteilnehmern am Ende etwas zu kurz, wie einige der Gäste bedauerten. Gleichwohl hatte die Veranstaltung viele inhaltliche Impulse gegeben, an denen das Publikum noch im Kleinen und auch noch lange nach der Veranstaltung arbeiten konnte. Europa, so hatte sich gezeigt, hat für jeden einzelnen eine eigene Bedeutung, und doch eint die Sehnsucht nach Frieden, Wohlstand und Stabilität den größten Teil der Menschen in Alsfeld, im Vogelsberg, in Hessen und Deutschland und in der EU. Auch wenn die Wege dorthin ganz offenbar auf unterschiedliche Weise beschritten werden können.
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